Münchhausen (Börries v.) verstehen: Jenseits des Tales (Gedichte-Karaoke 147)
Автор: Christian Ebbertz
Загружено: 2021-02-15
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Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Vorm roten Abendhimmel quoll der Rauch,
Das war ein Singen in dem ganzen Heere,
Und Ihre Reiterbuben sangen auch.
Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde,
Hertänzelte die Marketenderin,
Und unterm Singen sprach der Knaben einer:
"Mädchen, du weißts, wo ging der König hin?" -
Diesseits des Tales stand der junge König
Und griff die feuchte Erde aus dem Grund,
Sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne,
Sie machte nicht sein krankes Herz gesund.
Ihn heilten nur zwei knabenfrische Wangen,
Und nur ein Mund, den er sich selbst verbot,
Noch fester schloss der König seine Lippen
Und sah hinüber in das Abendrot.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Vorm roten Abendhimmel quoll der Rauch,
Und war ein Lachen in dem ganzen Heere,
Und jener Reiterbube lachte auch.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Wir haben es hier mit dem Text eines bekannten Liedes zu tun, das mit der Melodie von Robert Götz Eingang in viele Wanderliederbücher fand – und in das Repertoir von Heino, der es mit einer Kinderschar im Zeltlager singt. Falls jemand es so kennt, die ein oder andere Textstelle wird ihn stutzig gemacht haben.
Das war ein Singen in dem ganzen Heere,
Und Ihre Reiterbuben sangen auch.
Reiterbuben klingt harmlos. Nach Information von Wikipedia waren das aber nichts anderes als Kindersoldaten, höchstens 15 Jahre alt. Wie klar war das dem Autor?
Sie putzten klirrend am Geschirr der Pferde,
her tänzelte die Marketenderin.
Die Marketenderin war – nicht immer, aber möglicherweise - auch als Prostituierte für die Truppe von Bedeutung. Wenn sie „tänzelt“ soll das sicher ein entsprechender Hinweis sein.
Und unterm Singen sprach der Knaben einer:
"Mädchen, du weißt, wo ging der König hin?"
Zwei Fragen, die sich hier dem Leser stellen. Warum soll die Marketenderin das wissen? Weil der König bei ihr war? Und warum interessiert sich der Knabe dafür?
Diesseits des Tales stand der junge König
Und griff die feuchte Erde aus dem Grund.
Sie kühlte nicht die Glut der heißen Stirne,
Sie machte nicht sein krankes Herz gesund.
Ein junger König in heftigstem Liebeskummer. Und wir sind am Scheideweg dieser Ballade: Bezieht sich der Liebeskummer auf die Marketenderin? Oder etwa auf den Knaben?
Ihn heilten nur zwei knabenfrische Wangen
Und nur ein Mund, den er sich selbst verbot.
Der Knabe! Anders kann man es an dieser Stelle doch gar nicht lesen! Ist es eine homoerotische Neigung, oder gar eine pädophile, die sich der König verbieten muss? Handelt es sich um eine heldenhafte Entsagung, der wir mit Respekt begegnen sollen, oder sollen wir mit Mitgefühl fassunglsoser Erschütterung auf solche Unterdrückung von Sexualität, wie sie eine Persönlichkeit zerstören kann, blicken? Ist es möglicherweise eine Anspielung auf den Preußenkönig Friedrich II, den „Großen“, der seine Neigung zu Männern unterdrücken musste? (Musste er nicht, er hatte einen langjährigen Kammerdiener als Lebenspartner). Um diesen Fragen aus dem Weg zu gehen, wurden die „knabenfrischen“ Wangen in den Liederbüchern zu „jugendfrischen“, als wenn es eben doch um die Marketenderin ging, die sich der König – dann wegen Unstandesgemäßheit – verbieten muss.
Noch fester schloss der König seine Lippen
Und sah hinüber in das Abendrot.
Heldenhaft verschließt er also die Lippen – es wird nie einen Kuss geben - und nur die Sehnsucht bleibt.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte,
Zum roten Abendhimmel quoll der Rauch.
Und war ein Lachen in dem ganzen Heere
Und jener Reiterbube lachte auch.
Warum lacht er? Weil ihm nicht klar ist, was er dem König bedeutet und er unbekümmert in der Gemeinschaft mitlacht? Oder umgekehrt gerade, weil ihm das klar ist, ohne dass er sich etwas aus dem König macht? In der „bereinigten“ Fassung für die Liederbücher wurde daraus ohnehin „jene Reiterbuben“ – also Mehrzahl -, auf dass jeder Gedanke an Homoerotik getilgt sei. Dieses Gedicht ist ein schönes Beispiel, wie der angenommene situative Kontext die Wahrnehmung eines Textes prägt. Dass Münchhausen auch noch zum glühenden Nazi wurde mit Funktionen in der Kulturpolitik, trägt dazu noch eine weitere Ebene bei. Ich plädiere aber immer dafür, einen Text in der Lesart zu verstehen, die einem am sympathischsten ist. Unser Mitgefühl diesem König, dem die gesellschaftlichen Zwänge das Herz brachen.
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