Dieses Buch kann uns verändern - Wolf Haas: Die Verteidigung der Missionarsstellung.
Автор: Hans H. Gruendel
Загружено: 2026-02-15
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Stell dir vor, du liest einen Roman, und plötzlich merkst du: Die Geschichte handelt gar nicht in erster Linie von dem, was passiert – sondern davon, wie darüber erzählt wird. Genau das macht Wolf Haas in Die Verteidigung der Missionarsstellung. Vordergründig geht es um Benjamin Lee Baumgartner, einen Mann, der um die Welt reist, sich verliebt und dabei immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist: London während BSE, Peking zur Vogelgrippe, später Schweinegrippe. Zufall? Pech? Oder doch ein erzählerisches Muster? Noch während man sich das fragt, tritt der Erzähler auf die Bühne und sagt sinngemäß: Moment mal – so einfach ist das alles nicht.
Denn dieser Roman erzählt nicht einfach eine Geschichte. Er zeigt, wie Geschichten gemacht werden. Immer wieder stoppt der Erzähler die Handlung, kommentiert sich selbst, zweifelt an der eigenen Darstellung, spricht über das Schreiben, über Sprache, über Erwartungen. Die Liebesgeschichte wird unterbrochen, die Reisegeschichte zerlegt, der Erzählfluss bewusst sabotiert. Und genau dadurch wird es spannend. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um Benjamin – sondern um uns als Leser.
Was Haas hier spielerisch vorführt, ist eine radikale Idee: Ereignisse haben keinen eingebauten Sinn. Sie werden erst bedeutungsvoll, wenn jemand sie erzählt. Und genau hier berührt der Roman einen Gedanken aus der Philosophie, etwa bei Alfred Tarski: Wahrheit ist nichts Absolutes, nichts, das einfach „in einem Satz steckt“. Wahrheit hängt davon ab, auf welcher Ebene gesprochen wird. Innerhalb der Geschichte ergibt Benjamins Pech eine gewisse Logik. Außerhalb der Geschichte wäre es absurd. Beides ist gleichzeitig wahr – nur eben nicht auf derselben Ebene.
Während wir Benjamin begleiten, merken wir: Genau so funktionieren auch unsere eigenen Lebensgeschichten. Wir erleben Dinge – Trennungen, Erfolge, Krankheiten, Zufälle – und erst im Nachhinein machen wir daraus Bedeutungen. „Das war ein Fehler.“ „Das hat mich geprägt.“ „Das musste so kommen.“ Haas’ Roman legt diese Mechanik offen. Er zieht den Vorhang zurück und zeigt: Das sind keine Fakten. Das sind Erzählentscheidungen.
Besonders clever ist, dass der Roman uns in eine Doppelrolle zwingt. Wir sind Leser, aber wir sind auch Erzähler. Wir merken plötzlich: So wie der Erzähler Benjamins Geschichte kommentiert, kommentieren wir ständig unser eigenes Leben. Wir leben auf einer Objektebene – Dinge passieren – und gleichzeitig laufen im Kopf die Meta-Kommentare: Bewertungen, Erklärungen, Selbstdiagnosen. Haas macht diese innere Stimme hörbar. Und plötzlich wirkt sie weniger allmächtig.
Dabei ist der Roman keineswegs nur verspielt oder ironisch. Er zeigt auch die Kehrseite dieser ständigen Reflexion. Wer alles kommentiert, relativiert und ironisiert, schützt sich – aber riskiert auch, handlungsunfähig zu werden. Wenn alles immer schon unter Vorbehalt steht, wird nichts mehr wirklich entschieden. Diese Spannung kennt fast jeder: zwischen Nachdenken und Handeln, zwischen Abstand und Engagement. Haas urteilt nicht, aber er macht sichtbar, was passiert, wenn die Metaebene das Leben übernimmt.
Gleichzeitig liegt darin etwas Befreiendes. Wenn Sinn erst durch Erzählen entsteht, dann muss nicht alles sofort Sinn ergeben. Nicht jede Krise ist eine Lektion. Nicht jedes Scheitern ein Kapitel mit Titel. Der Roman erlaubt es, Dinge einfach passieren zu lassen – und ihre Bedeutung später, vielleicht ganz anders, zu verstehen. Das ist eine radikale Entlastung in einer Welt, die ständig nach Sinn, Optimierung und Selbstdeutung verlangt.
Und genau hier wird Die Verteidigung der Missionarsstellung plötzlich existenziell. Denn wenn das eigene Leben eine Erzählung ist, dann ist es kein festgeschriebener Plot. Die Vergangenheit bleibt, wie sie ist – aber ihre Bedeutung ist beweglich. Man kann dieselben Ereignisse anders erzählen, anders gewichten, anders einordnen. Nicht durch Selbstbetrug, sondern durch Bewusstsein.
Am Ende lädt der Roman zu einer besonderen Haltung ein: Nimm dein Leben ernst – aber nicht die Geschichte, die du dir ständig darüber erzählst. Ermutigt dazu, zu handeln, auch wenn der Sinn noch unklar ist. Entscheidungen zu treffen, ohne sie sofort endgültig zu deuten. Das eigene Leben weniger als abgeschlossenes Werk zu sehen, sondern als offenes Manuskript.
Vielleicht ist das die eigentliche „Verteidigung der Missionarsstellung“: nicht die Verteidigung einer Position, sondern die Verteidigung der Möglichkeit, neu zu erzählen. Szene für Szene. Satz für Satz. Ohne zu wissen, wie das Kapitel heißen wird.
Und genau darin liegt die Freiheit.
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